Die ökologische Bestandserfassung und Bewertung beruht auf einer Erhebung von Anfang Oktober 2010 und dem Frühsommer 2011, die vor Realisierung der Baufelder entlang der Shanghaiallee durchgeführt worden ist. Ein repräsentativer Untersuchungszeitraum mit einer Vegetationsperiode wurde vollständig erfasst. Der vorliegende Bericht (Stand September 2011) hatte im Wesentlichen Folgendes ergeben:
Terrestrische Biotope
Die Landflächen des Planungsgebiets waren nahezu vollständig durch gewerbliche und ver- kehrliche Nutzungen sowie Baustellen bestimmt, die in Folge größerer infrastruktureller Vor- haben zur Erschließung des Gebiets entstanden (Damm- und Kreuzungsbauwerk Pfeilerbahn, Neubau U4, Versmannstraße, Stockmeyerstraße). Diese Flächen waren weitgehend unbelebt und ökologisch gering bewertet.
Mehrere alte Bäume, im wesentlichen Linden mit einem Brusthöhendurchmesser über 25 cm, wuchsen im Bereich einer Grünfläche des Lohseplatzes, einzelne Ruderalgebüsche (Holun- der, Brombeeren) haben sich am südöstlichen Rand angesiedelt. Die Fläche wurde wegen des alten Baumbestands und den angrenzenden Gebüschen ökologisch als noch wertvoll be- wertet.
An der südlichen Böschung des Brooktorhafens hatte sich ein kleinflächiger ökologisch noch wertvoller Uferweidensaum oberhalb der Uferbefestigung entwickelt.
Auf einer größeren brachgefallenen Schienenfläche südöstlich der damals bestehenden groß- flächigen Speditionshalle hatten sich ruderale und halbruderale Staudenfluren mit Birken/Es- pen Vorwald entwickelt, die als noch wertvoll bzw. verarmt bewertet wurden. Dort wurde auch die Kleinblütige Königskerze (Rote Liste Art) gefunden. Die Fugen der alten Klinkerkaimauern am Ericusgraben waren teilweise üppig mit Pflanzen ruderaler und beschatteter Säume be- wachsen, wie gewöhnlicher Beifuß, schmalblättriges Weidenröschen, stinkender Storchschna- bel und gewöhnlicher Wurmfarn. Im Übrigen war das Gebiet weitgehend ohne Bewuchs.
Für die Vogelwelt hatte das nördliche Planungsgebiet im Umfeld des Lohseplatzes Bedeutung. Mehrere Paare von Mauerseglern und des auf der Vorwarnliste der Roten Liste Hamburgs stehenden Haussperlings brüteten im Bereich des Hildebrandtblocks westlich der Grünfläche Lohseplatz. Einzelne Brutpaare der Dorngrasmücke sowie der Amsel, des Grünfinks und des Hausrotschwanzes verteilten sich auf den Bereich der kleinen Grünfläche und im südlich an- grenzenden Bereich der damals bestehenden Speditionshalle.
Aus den vorliegenden Untersuchungen und Begehungen im Herbst 2010 und im Frühsommer 2011 ergaben sich keine relevanten Ortungen und Hinweise auf Jagd- und Durchzugsräume
für Fledermäuse. Winterquartiere waren aufgrund der geringen Eignung des Gebiets nicht zu erwarten. Hinweise auf Sommerquartiere konnten auch nach gezielten Begehungen nicht be- stätigt werden. Das Plangebiet hatte aufgrund der starken Versiegelung und des geringen Nahrungsaufkommens keine relevante Bedeutung für Fledermäuse.
Aquatische Biotope
Das Planungsgebiet wird im Norden und Süden von Tidegewässern gefasst. Der nördliche Ericusgraben ist Bestandteil des Systems tidedurchströmter Hafenbecken und Kanäle zwi- schen Oberhafen und Norderelbe, die langjährig nicht mehr genutzt und aufsedimentiert sind. Der Ericusgraben hat gewässerökologisch hohe Bedeutung als flaches stärker tidedurch- strömtes Gewässer mit teilweise sandig-schluffigen Substraten. Auf der Gewässersohle hatte sich eine arten- und individuenreiche Wirbellosenfauna mit bedeutenden und geschützten Großmuschelvorkommen wie der Gemeinen und Großen Teichmuschel, der Gemeinen Ma- lermuschel und der Aufgeblasenen Flussmuschel eingestellt. Westlich angrenzend zum Plan- gebiet in einer Probestelle im westlichen Abschnitt des Brooktorhafens nördlich des Kaispei- chers B wurden Larven der Libellenart Asiatische Keiljungfer gefunden, jedoch nicht in den Probestellen im Plangebiet. Die Asiatische Keiljungfer gilt seit den 1920er Jahren in Hamburg als ausgestorben, steht unter besonderem Artenschutz und ist nach der FFH-Richtlinie An- hang IV streng geschützt. Ein Vorkommen der Keiljungfer im Ericusgraben ist zwar nicht aus- zuschließen, die von den veränderten Uferlinie betroffenen Bereiche wasserseitig der südli- chen Kaimauer weisen jedoch keine günstige Lebensraumeignung für die Keiljungfer auf. Das Substrat war hier verhältnismäßig schlickig und die Abschnitte fallen teilweise bei Ebbe tro- cken. An der hinsichtlich der Substratverteilung günstiger zu beurteilenden Probestelle mittig im Ericusgraben wurden zudem keine Tiere gefunden. Im Bereich der geplanten Überbauun- gen waren keine Vorkommen der Asiatischen Keiljungfer zu erwarten.
Der im Plangebiet liegende Abschnitt des Brooktorhafens und Ericusgrabens hatte ökologisch besonders hohe Bedeutung als Lebensraum für Wirbellose, insbesondere durch streng ge- schützte Großmuschelarten, die dort in hoher Dichte und Artenreichtum vorkommen. Mit ins- gesamt 53 Arten wurde eine bemerkenswert hohe Gesamtzahl an Wirbellosen dokumentiert, die deutlich über dem Artenspektrum üblicher Hafenbecken liegt und eine überdurchschnittli- che Produktion an Biomasse aufweist. Die ökologische Qualität und Diversität der Wenigbors- ter-Fauna wies Merkmale des wesentlich großräumigeren und strukturreichen „Mühlenberger Lochs“ auf. Insgesamt gelten 20 der dort vorkommenden benthischen Wirbellosen als gefähr- det, selten und geschützt. Das Gewässer wurde mit der ökologischen Zustandsklasse „Gut“ bewertet. Am Fuß der Kaimauern fällt der dort eher schlickige Gewässerboden bei Niedrig- wasser stellenweise trocken. Diese Flächen waren jedoch nicht als gesetzlich geschützte Bi- otope einzustufen, da wesentliche Merkmale naturnaher, frei mäandrierender Flusswatten fehlten.
Der Ericusgraben/Brooktorhafen ist als ein bedeutsames Fischaufwuchsgebiet eingeschätzt worden, welches von einem arten- und individuenreichen Spektrum von neun Elbfischarten aufgesucht wird. Dominant sind Flunder, Aland, Aal und Güster, bestandsbildende Einheiten sind ferner Strandgrundel, Döbel, Kaulbarsch und der Rapfen. Brassen sind schwach vertre- ten. Davon gelten in Hamburg Aland, Döbel und Rapfen als gefährdet und der Rapfen ist nach FFH-Richtlinie Anhang 4 als Art gemeinschaftlichen Interesses benannt und geschützt. Zahl- reicher Jungfischaufwuchs wurde im Mai 2011 festgestellt und die Bedeutung des Ericusgra- bens/Brooktorhafens als Fischaufwuchsgebiet bestätigt; aufgrund der geringen Tiefe ist er als Winterquartier für Fische ungeeignet.
Der Baakenhafen ist eines der größten Hafenbecken des Hamburger Hafens und raumbedeut- sam für die östliche HafenCity. Das Plangebiet des Bebauungsplans bezieht einen Ausschnitt des nordwestlichen Teils des Baakenhafens ein. In diesem Bereich hat sich durch tidebedingte Sedimentablagerungen und langjährig unterbliebene Unterhaltungsbaggerungen eine zur Elbe steil abfallende Schwelle bis auf eine Höhe von ca. 4 m unter NHN aufgehöht. Durch diese Schwelle wird der rückwärtige Teil des Baakenhafens von den energiereichen Strömun- gen der Elbe teilweise abgeschirmt, bei Niedrigwasser weist dieser Bereich nur noch ca. 1,5 m Wassertiefe auf, zur Mitte des Baakenhafens fällt der Gewässerboden dann auf eine Tiefe von 9 m bis 10 m unter NHN ab. Der rückwärtige Teil des Hafenbeckens ist daher tief, schwach durchströmt und weist schlickige Substrate auf, während der im Plangebiet liegende Teil des Baakenhafenmundes deutlich flacher, der Strömungsdynamik der Norderelbe stärker ausge- setzt ist und vermutlich gröbere Sedimente aufweist.
Im Baakenhafen wurden bei Befischungen im Oktober 2010 und Mai 2011 von insgesamt 38 Elbfisch- und Neunaugenarten 16 Arten im Baakenhafen gefunden. Darunter waren mehrere gefährdete Arten wie Aland, Hasel, Kaulbarsch, Rotfeder, Ukelei sowie auch die nach FFH- Richtlinie prioritäre Art Rapfen. Die besonders hohe Individuendichte und Artendichte von knapp der Hälfte der im gesamten Hamburger Hafen vorkommenden Fischarten zeigt die öko- logische hohe Wertigkeit dieses direkt mit dem Elbstrom in Beziehung stehenden Hafenbe- ckens und seine Bedeutung als Aufwuchs-, Nahrungs-, Rückzugs- und Überwinterungshabi- tat.
Die Befischungen des Baakenhafens im Mai 2011 ergaben ähnlich hohe Fischdichten wie im Magdeburger Hafen im Oktober 2010 bei einer homogenen Verteilung im Wasserkörper. Echolotungen im Oktober 2010 zeigen im hinteren Baakenhafenteil jedoch Fischwinterquar- tiere in Wassertiefen zwischen 7 m und 9,5 m unter NHN. Dort wurden Aufenthaltsorte für Elbfische in erheblicher Dichte und Ausdehnung geortet. Die Bedeutung des Baakenhafens als Rück- und Aufzuchtgebiet und Winterquartier für Fische wird auch durch ein reichliches Angebot an Zooplankton bestätigt, so dass diesem Hafenbecken hohe Bedeutung und Wer- tigkeit für Fische zukommt.
Anpassungsfähige Arten, wie die Brassen, das Rotauge oder der Flussbarsch nutzen trotz insgesamt mangelnder Eignung der Hafenbecken vorhandene Strukturen wie alte Dalben und Holzspundungen zur Laichablage.
Die Wirbellosenfauna ist in Anzahl und Artenzahl stark verarmt, da die Strukturarmut des Ha- fenbeckens bis auf einzelne Holzdalben u.ä. keinen geeigneten Lebensraum bietet.
Der Baakenhafen weist am Hafenmund im Bereich des Plangebiets einen mittleren ökologi- schen Zustand auf. Zum rückwärtigen Teil nach Osten sinkt die ökologische Wertigkeit ab und wurde als ökologisch verarmt bewertet.